Warum ich für eine Frauenquote bin

Die Diskussion um die Frauenquote hat im letzten Jahr viele Gemüter erhitzt; viele Menschen haben sich berufen gefühlt, ihre Meinung dazu in den Medien kundzutun. Egal, ob Politiker oder C-Promi, egal, ob politisch gebildet oder nicht – jeder äußert sich. Ist ja auch gut so.

Was mich manchmal etwas traurig macht ist das Empfinden, dass es gerade bei Frauenrechts-Themen (aber natürlich auch bei vielen anderen wichtigen politischen Themen) immer weniger um rationale Argumente zu gehen scheint, die abgewogen werden müssen; immer weniger um einen echten Diskurs und eine gemeinsame Lösungsfindung als vielmehr darum, dass sich zwei von ihrem Standpunkt felsenfest überzeugte Parteien gegenseitig an den Kopf werfen, wie verblödet, verblendet, wahlweise auch von den Medien manipuliert, die jeweils andere ist.

 

Wie eine Art Ersatzreligion trägt man politische Überzeugungen vor sich her und differenziert kaum noch. Die Quote ist entweder Teufelszeug, Menschenrechtsverletzung und der Plan machthungriger Amazoninnen oder alternativ sind diejenigen, welche die Quote ablehnen, eben rückständige, machtbesessene Männer, die Angst um ihre Pöstchen haben.

 

Natürlich trifft diese Art geiferndes Gezanke nicht auf jeden Disput zu, der geführt wird. Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber immer häufiger beschleicht mich das Gefühl, dass in sogenannten „Diskussionen“ jede Partei sowieso vorher schon ihre Meinung in Stein gemeißelt hat und nicht bereit ist, auch nur einen Fingerbreit davon abzuweichen. Oder hat man jemals gehört, dass jemand im Laufe einer Fernsehdiskussion gesagt hätte: Wow, Ihr Argument ist wirklich gut! Von diesem Standpunkt aus hatte ich das noch gar nicht betrachtet. Sie haben mich in diesem Punkt überzeugt. ?

Aber wozu dann überhaupt noch diskutieren, wenn jeder doch seine Meinung sowieso behalten will? Und wenn die Meinung nicht auf rationalen Argumenten, sondern auf unumstößlichen Überzeugungen basiert? Da kann man sich die gesamte Diskussion doch direkt schenken.

 

Diese lange Einleitung habe ich geschrieben, um deutlich zu machen, dass ich an einer rationalen Diskussion interessiert bin. Ich versuche. meine Ausführungen so sachlich wie möglich zu halten und bin gern auch bereit, auf Gegenargumente einzugehen. Jeder, der aber im tiefsten Inneren seines Herzens gegen eine Frauenquote ist und sicher weiß, dass das Lesen meines Beitrags seine Meinung unter keinen Umständen auch nur ein wenig ändern kann, der möge die Lektüre doch bitte abbrechen und mir vor allem keine hasserfüllten und unsachlichen Kommentare schreiben. Danke.

 

Das zentrale Argument der Gegner der Frauenquote, soweit ich es verstanden habe, lautet: Die Frauenquote benachteiligt strukturell Männer aufgrund ihres Geschlechts.  Ein gleich qualifizierter Mann „verliert“ im Bewerbungsprozess gegen die Frau und das ist ungerecht.

Ich verstehe diese Bedenken. Aber was leider in diesem Zusammenhang meist nicht erwähnt wird: Ohne die Quote existiert in vielen Branchen und Geschäftsbereichen eine strukturelle Benachteiligung von Frauen im Bewerbungsprozess – und das ist ebenso ungerecht. Die Benachteiligung ist zwar nicht gesetzliche geregelt, aber sie ist faktisch da – viele voneinander unabhängige Studien haben das inzwischen belegt; am berühmtesten sicherlich die der Yale University, in der exakt gleiche Bewerbungsunterlagen mit abweichender Geschlechtsangabe verschickt wurden – hier ging es ausschließlich um die Vergabe von Stellen in der Wissenschaft. Professoren sollten die Bewerber hinsichtlich ihrer Eignung und dem angebotenen Einstiegsgehalt einschätzen. Die Ergebnisse zeigten eine deutliche Schlechterstellung der Frauen (wohlgemerkt bei gleichen Lebensläufen!) – sie wurden als weniger kompetent eingestuft und ihnen wurden geringere Einstiegsgehälter angeboten. Eine andere Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt, dass Frauen von anonymisierten Bewerbungsverfahren profitieren; was nichts anderes heißt, als dass sie bei Angabe ihres Geschlechts schlechter gestellt sind, als wenn das Geschlecht keine Rolle spielen würde.

 

Somit könnte man sagen: Sowohl mit als auch ohne Quote gibt es keine Gerechtigkeit. Beide Lösungen sind eigentlich nicht gut. Warum bin ich also trotzdem  für eine Frauenquote?

 

Ungleichbehandlung finden wir in verschiedenen Bereichen des Lebens. Dunkelhäutige Menschen werden z.T. anders behandelt als „weiße“; Arme werden anders behandelt als Reiche, Frauen anders als Männer. Der Hauptgrund liegt in meinen Augen aber nicht einmal in bewussten Ressentiments (obwohl es die zweifellos auch gibt). Ich glaube nicht, dass der Großteil der Männer Frauen generell für dümmer oder unfähiger hält oder dass ein Großteil der europäischen Menschen rassistisch ist. Diese Prozesse laufen unterbewusst ab, aufgrund von Bildern, die wir uns von den Menschen und der Gesellschaft machen – aufgrund eigener Erfahrungen, dem, was andere uns erzählen und natürlich dem, was Filme, Bücher und Medien im Allgemeinen uns vermitteln. Ohne, dass wir uns dagegen wehren könnten, entsteht ein „Bauchgefühl“, eine „Intuition“ über bestimmte Dinge.

 

Die daraus resultierenden Benachteiligungen können in alle Richtungen ausschlagen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es Männer z.B. als Babysitter deutlich schwerer haben dürften, eingestellt zu werden. Nicht, weil eine Mutter einem Mann nicht prinzipiell auch Einfühlungsvermögen und Zärtlichkeit zutrauen würde, aber irgendwo im Kopf ist dann doch das Bild des „typischen Babysitters“ abgelegt – und der ist weiblich.

 

Obwohl die Ungleichbehandlung also sicherlich auf beiden Seiten vorhanden ist, hat sie für die Frauen im Bereich der Berufswahl die schlimmeren Konsequenzen. Denn die Berufe, für die sie aufgrund ihrer „typisch weiblichen Eigenschaften“ (unterbewusste Bilder) weniger geeignet scheinen, sind nun ausgerechnet die, in denen man besser verdient und/oder mehr Macht und Einfluss hat. Die „typischen“ Männerberufe eben.

 

Noch einmal: Ich denke, dass in den allermeisten Fällen die Personaler, welche den Mann der Frau für eine freie Stelle z.B. im Vorstand, als Abteilungsleiter oder Manager vorziehen, selbst nicht glauben, dass sie dabei geschlechtsparteiisch wären. Ihnen ist die eigene Bevorzugung der Männer in vielen Fällen sicherlich gar nicht bewusst und würde man ihnen dies vorwerfen, würden sie es vehement abstreiten. Das ist nun gerade das Tückische an unbewussten Einstellungen und Überzeugungen. Zu diesem Thema kann ich ganz allgemein das Buch Schnelles Denken – langsames Denken vom Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahnemann empfehlen. Darin wird wunderbar erklärt und beschrieben, warum wir unserem „Bauchgefühl“ oftmals nicht trauen können und wie angeblich rationale Entscheidungen in der Regel von allen möglichen und unmöglichen Nebensächlichkeiten beeinflusst werden.

 

Logisch: Wenn ich mein Leben lang nur weibliche Kindergärtner erlebt habe – in meiner eigenen Kindheit, bei den Kindern von Verwandten, in Filmen, in Serien usw., dann ist der Gedanke an einen männlichen Kindergärtner zunächst einmal „fremd“. Nicht vertraut. Was das Gehirn schon generell nicht mag. Dann mischen sich vielleicht noch irgendwelche Nachrichtenfetzen von Missbrauch und Kinderpornografie in die Gedankengänge und schon hat man – gewollt oder ungewollt – ein Kriterium gegen die Einstellung des Mannes im Kopf. Umgekehrt funktioniert das mit den Vorurteilen gegen Frauen natürlich genauso.

 

Vorurteile abbauen kann man daher nur durch Vorbilder. Wer genügend Immigranten in seinem Umfeld hat, wird irgendwann merken, dass er viele seiner Vorurteile nicht mehr aufrechterhalten kann. Auch das ist inzwischen bewiesen: Dort, wo der Ausländeranteil am geringsten ist, sind die Vorurteile und der Hass gegen Ausländer am größten.

 

Auf die Gleichstellungsproblematik übertragen: In Gesellschaften, wo am wenigsten Frauen in Machtpositionen (oder schlichtweg hoch angesehenen Berufen) sind, gibt es auch am meisten Menschen, die Frauen solche Tätigkeiten generell nicht zutrauen. Man muss in seinem eigenen Umfeld am eigenen Leib erleben, ob etwas funktioniert oder nicht. Man muss Dingen im Alltag begegnen, immer und immer wieder, um alte Bilder durch neue zu ersetzen. Nur dadurch wird man nicht nur intellektuell, sondern auch vom „Bauchgefühl“ her Frauen dieselben Dinge zutrauen wie Männern (und umgekehrt).

 

Was macht nun die Frauenquote? Sie gleicht die strukturelle Benachteiligung der Frauen aus, sodass Personaler gegen ihr Bauchgefühl gezwungen sind, im Zweifelsfall doch eher die Frau als den Mann einzustellen (ohne Quote war es wohlgemerkt genau umgekehrt). Und auch nur in den Bereichen, in denen Frauen bisher benachteiligt wurden. Dadurch wird eine Beschleunigung des Prozesses stattfinden, der sich in den letzten Jahren sowieso schon zu vollziehen begonnen hat: Mehr Frauen in den „Männerberufen“. Damit haben sie eine Chance, sich zu beweisen.

 

Wenn erst einmal ein paar Jahrzehnte lang Frauen diese Chance haben, wird ihre Eignung für diese Berufe irgendwann auch anerkannt und selbstverständlich sein, so wie sie es in anderen europäischen Ländern wie Schweden oder Norwegen heute bereits ist. Die Bilder in den Köpfen werden sich allmählich verschieben.

Und dann können wir die Quote wieder abschaffen.

 

Nun könnte man sagen: Dieser Prozess, dass die Frauen allmählich in Männerdomänen durchdringen, vollzieht sich doch sowieso. Es dauert halt nur, die Gesellschaft braucht Zeit, das Denken ändert sich nicht von heute auf morgen. Wozu eine Quote? In ein paar Generationen wird sich das angeglichen haben.

 

Dem möchte ich entgegenhalten: Warum sollen wir den Prozess nicht beschleunigen, wenn wir es können? Und warum sollen die jetzigen Frauen darunter leiden müssen, dass der gesellschaftliche Wandel seine Zeit braucht? Als Frau, die jetzt jung ist und jetzt gleichberechtigt sein möchte, nützt es mir gar nichts zu wissen, dass meine Urenkelin diese Gleichbehandlung erfahren wird (obwohl es schon irgendwie ein guter Gedanke ist).

 

Zusammengefasst: Eine Frauenquote bevorzugt nicht Frauen, sondern gleicht die strukturelle Benachteiligung in männerdominierten Berufen aus und beschleunigt den Abbau von Vorurteilen und Geschlechtsstereotypen. Und ich freue mich schon auf die Zukunft – auf den Tag, an dem wir sie nicht mehr brauchen werden.

 

 

 

 

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