Planen oder Drauflosschreiben?

Schon öfter habe ich von verschiedenen angeblichen Schreibexperten, aber auch von Autoren, Lektoren und Ratgebern gehört, dass ohne Planung beim Schreiben gar nichts ginge. Man könne sich nicht einfach hinsetzen und loslegen, um Gottes Willen, das wird doch nie was. Aber stimmt das eigentlich?

Gemeinhin unterscheiden sich bei der Herangehensweise an ein neues Buch zwei Möglichkeiten sehr deutlich: Das gründliche Planen im Voraus und das ungestüme „Drauflosschreiben“.

 

Der Planer entwirft die Geschichte so weit er kann; er zeichnet Plotlines, denkt über den Aufbau und Spannungsbögen nach, entwirft Charaktersteckbriefe und so weiter und so fort. Erst, wenn die gesamte Handlung im Kopf steht, bringt er die ersten Zeilen zu Papier.

Der Drauflosschreiber hat irgendeine Idee, die ihn fasziniert – das kann eine besonders interessante Figur sein oder eine skurrile Situation, oder eine zentrale Fragestellung, mit der er sich beschäftigen möchte. Er beginnt mit einer Szene, zu deren Schreiben er Lust hat und sieht dann, wohin die Geschichte ihn „trägt“.

Dazwischen gibt es selbstverständlich alle Abstufungen. Ein paar Kapitel drauflos schreiben und dann alles weitere plotten. Oder am Anfang nur ein bisschen plotten, mit vielen Lücken, und dann einfach schreiben und sehen, wie die Lücken sich von alleine füllen (dies ist übrigens meine Methode).

Warum aber werden die Drauflosschreiber so häufig von den Planern belächelt und belehrt?

 

Auf den ersten Blick hat das Planen schon eine Menge Vorteile: Man weiß von Anfang an, wo es hingeht und kann bereits früh in der Geschichte Hinweise und Grundstein für spätere Entwicklungen legen. Man weiß immer, wie es weitergehen soll, was Schreibblockaden vermindern kann. Man muss am Ende des Buches in der Regel weniger vom Anfang überarbeiten, weil alles zumindest plotmäßig bereits aufeinander abgestimmt ist. Nicht zuletzt ist das Plotten besonders wichtig für Autoren, die vom Schreiben leben müssen und mit ihrem Verlag neue Projektideen abstimmen, bevor sie viel Zeit und Mühe in das eigentliche Schreiben investieren. Sieht der Verlag bereits in der Idee kein Potential, lohnt sich der Aufwand für den Autor nicht.

 

Ist die Planung also wirklich der „Königsweg“?

 

Ich habe andere Erfahrungen gemacht. Denn entscheidend bei der Frage, ob man besser gründlich plant oder die Geschichte sich selbst beim Schreiben entwickeln lässt, ist neben den Erwartungen des Verlages und dem Genre (Krimis müssen stärker geplant werden als so manche Gegenwartsliteratur) vor allem der persönliche Schreibstil. Ist man kein Typ fürs Planen, kann dieses sehr kontraproduktiv sein.

 

Ich habe das bereits mehrfach erlebt: Zu Beginn eines neuen Projektes entwerfe ich die ausführlichsten Charaktersteckbriefe, aber meine Figuren bleiben trotzdem blass und leblos. Ich versuche, Handlungsstränge und Spannungsbögen zu entwerfen, aber während ich vor einem Blatt Papier mit einem Zeitstrahl und Stichpunkten sitze, kommen mir beim besten Willen keine guten Ideen.

Oftmals entspringen die besten Ideen nämlich dem Schreibprozess selbst. Während man eine Szene schreibt, in der die Hauptfigur sich mit dem besten Freund unterhält, spürt man einfach, dass die Hauptfigur auf die naiven Aussagen des Freundes zynisch reagieren muss. Es schreibt sich gut, es liest sich gut, es fließt. Die Figuren entwickeln bestenfalls ein Eigenleben und bestimmen, „wo es lang geht“. In solchem Fluss fühlt sich alles für mich „richtig“ an und stimmig. Die Figuren erschaffen sich selbst und die Handlung gleich mit. Alles, was ich mir vorher schön zurechtgelegt habe, schmeißen sie kurzerhand über den Haufen.

 

Natürlich kann diese Methode auch gehörig schief gehen – die Handlung verläuft in Sackgassen, aus denen man nicht mehr herausfindet; Figuren, die eigentlich nur Nebenrollen haben sollten, verselbständigen sich plötzlich usw. Aber genau das ist, was für mich den Reiz des Schreibens ausmacht, und wie für mich Geschichten entstehen, die „besonders“ sind und deren Schreiben mir Spaß macht.

Ich möchte beim Schreiben kein Malen-nach-Zahlen, bei dem das komplette Gerüst unverrückbar feststeht und ich nur noch die Zwischenräume mit Sätzen auffüllen muss.

 

Oft schon habe ich von Autoren gehört, die ihre Projekte „zu Tode geplottet“ haben. Sie haben so lange an den Plänen gefeilt, dass sie am Schluss keinerlei Lust mehr hatten, ihren Roman auch wirklich zu schreiben. Die Geschichte war für sie selbst ausgelutscht und damit langweilig geworden.

 

Es gibt also gute Argumente sowohl für das Planen als auch für das Drauflosschreiben. Jeder angehende Autor muss für sich selbst herausfinden, was für ihn funktioniert und was nicht und vor allem, mit welcher Methode er die besseren Geschichten erzählen kann.

 

Also – ran an die Tasten!

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Kommentare: 2
  • #1

    Elsa Rieger (Sonntag, 10 März 2013 10:43)

    Ein sehr guter, ehrlicher Artikel. Und ja, man muss ausprobieren, was einem liegt. Bei mir kommt es aufs Projekt an. Gibt es mehrere Handlungsstränge, skizziere ich diese in einer Plotline, um nicht den Überblick zu verlieren. Geht es um wenige Personen, schreib ich auch mal spontan los.

  • #2

    alanafalk (Dienstag, 26 März 2013 09:26)

    Ich gebe dir absolut recht, es gibt keine perfekte Methode. Jeder muss für sich die richtige Herangehensweise finden. Ich habe früher drauflos geschrieben, das war okay, aber mittlerweile gehöre ich zu den Extremplottern, teilweise plotte ich sogar Dialoge. Andere finden das beschränkend, ich finde es befreiend. Wenn ich genau weiß, was ich schreiben will, dann kann ich mich beim Schreiben völlig von allem lösen. Mir macht Plotten aber auch großen Spaß.
    Aber auch ich bekomme bem Schrieben selbst noch gute Idee, oder merke, dass etwas einfach so nicht funktioniert, wie ich es mir vorgestellt habe. Da bin ich dann natürlich felxibel und ändere die Richtung. Danach wird dann allerdings neu geplottet.

 

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